Digitales Lernen während Corona-Zeiten

Leere Klassenzimmer und volle Chaträume
Ein Plädoyer für die moderne Schule

G u t e n   M o r g e n  a l l e r s e i t s tippt Frau R. im Schulmanager auf ihrem iPad. Nachdenklich und auch ein bisschen traurig meint sie: ”Naja, es kommt jetzt eben nichts zurück. Kein vielstimmiges ‘Guten Morgen’, mehr oder weniger im Chor. Kein Stühlerücken, Gelächter, Gähnen, Geduld raubendes Warten auf Ruhe.” Zum Glück endlich Ruhe, mag der geneigte Leser denken. “Erstmal vorbei die seligen Zeiten, als wir uns noch über die Lautstärke in der Klasse, an der Schule und im Leben überhaupt beschweren konnten.”, seufzt jedoch die Lehrerin. Frau R. unterrichtet an der Dreiflüsse-Realschule Passau, Deutsch und Englisch.

Rund 500 Kinder zwischen 10 und 17 Jahren besuchen diese Schule. Eine typische Realschule würde man denken. Typisch? Normal? Alltäglich? Begriffe, die in Zeiten von Corona an Bedeutung einbüßen. Normaler Unterricht findet im Klassenzimmer, dem Chemie- oder Physiksaal, der Turnhalle, der Schulküche oder jetzt auch im DiLab, dem digitalen Lernlabor, statt. Und das alltäglich, jeden Tag. Jetzt aber eben nicht. Unterricht schon, aber der ist jetzt halt in den unbegrenzten digitalen Lernraum, das Internet gewandert.

Zum Glück haben alle Schüler und Schülerinnen internetfähige Handys, manche auch Tablets oder Laptops. Lehrer und Lehrerinnen sind dank dem Digitalpakt des Freistaates Bayern ebenfalls ausgestattet und weitergebildet, so dass die neuen Aufgaben keine unüberwindbaren Hürden mehr darstellen. Nach den zu erwartenden Anlaufschwie-rigkeiten auf den schulischen Plattformen wie mebis etc. erwacht der digitale Frühling in Gestalt von OGS, Jitsi meet, Squiffy, Schulmanager und vielen mehr. Was sich wie die neusten YouTuber oder der Kosename für das virtuelle Kuscheltier anhört, spielt dieser Tage an den Schulen hierzulande eine große Rolle. Hinter diesen englischen Bezeichnungen verbergen sich nämlich Werkzeuge, mit denen das Lernen in durchaus unterschiedlichen Settings stattfinden kann.

Die Veränderungen im Unterricht fangen an mit dem Versand von Arbeitsmaterial per Mail, per Schulmanager – größtenteils müssen die Materialien nicht einmal mehr ausgedruckt werden. Das Material selbst besteht aus Texten, Bildern, Webseiten, Videos, Hörbeispielen und interaktiven Dokumenten. So ist ein abwechslungsreiches Lernen und Üben daheim möglich, und bleibt auch für die Schüler attraktiv. Um soziales Lernen zu ermöglichen, werden viele Aufgaben so gestaltet, dass sie im Team oder mit einem Partner lösbar sind, zum Beispiel in Videokonferenzen, per Telefon oder in Chats. Die nötige Software stellt dabei die Schule bereit – und sorgt so nebenbei (und natürlich auch ganz gewollt) dafür, dass der Kontakt zwischen den Schülern nicht abreißt.

Schulleiter Andreas Schaffhauser ist unglaublich stolz auf alle seine Kolleginnen und Kollegen, die diese schwierige Zeit mit viel Eifer und Engagement für die Schule und die Schülerinnen und Schüler meistern. „So wie Unterricht gerade stattfindet, ist das Digitalisierung in Reinform“, erklärt Schaffhauser weiter. Administrativ begleitet und unterstützt wird das tägliche Online-Lernen von Systembetreuer Marc-Andree Hennekes und der stellv. Schulleiterin Marion Katzbichler.  „Die Vorbereitung für den Unterricht dauert häufig dreimal so lange wie sonst, aber die Kolleginnen und Kollegen sind mit großer Begeisterung und viel Einsatz dabei. Bis spät in die Nacht stellen sie Fragen, geben sich gegenseitig Anregungen und Tipps und halten auch die Kommunikation zu den Schülern selbst aufrecht,“ erläutert Hennekes.

Eine Mathekollegin erstellt Lernvideos, mit denen sie die Schüler dermaßen entzückt, dass sie es kaum erwarten können, mit dem Unterricht zu beginnen, siehe Bild. In Englisch werden Videokonferenzen abgehalten, in denen die Jugendlichen English conversation üben können. “We’re using jitsi meet to communicate with our English teacher and it works pretty well!, wie Raphael aus der 9b findet. “Chatting in a conference is really good fun”, fügt sein Klassenkamerad Fabian hinzu. Frau R. freut sich über den direkten Kontakt zu ihren Schäfchen.  ”Sprechen geht ja auch immer noch schneller als schreiben und in den Videokonferenzen kann man die Schüler auch mal fragen, wie es ihnen geht oder ob sie noch Unterstützung brauchen.” Die neuen Lehr- und Lernmethoden begeistern Schüler und Eltern gleichermaßen. Verbindungsprobleme? Immer weniger. Austausch zwischen Kollegen? Immer mehr. Kommunikation und Interaktion? Immer besser.

Die digitale Schule kann nicht alle Probleme lösen. Schon gar nicht mangelnde Motivation und Disziplin, fehlende Organisation, und Veränderungen in den familiären Strukturen, durch die Heranwachsende immer öfter gezwungen sind, schulische Aufgaben ohne Unterstützung zu bewältigen. Es lässt sich aber trotz aller Unkenrufe feststellen, dass die elektronischen Medien und die Digitalisierung der Schulen in Bezug auf Kommunikation und Interaktion zwischen Menschen an verschiedenen Orten unschlagbare Stärken aufweisen. Ohne Verständigung untereinander würde die Krise, die die Welt jetzt meistern muss, das gesellschaftliche Miteinander in allen Bereichen lahmlegen. Dank E-Mail, Schreib- und Video-Konferenzen sowie Chats und klassischer Telefonie können wir privat, geschäftlich, beruflich und eben auch schulisch je nach Bedarf kommunizieren.

 

Genau diese Kommunikation ist es, die auch die Schüler sehr schätzen. Häufiger als man es sonst in der Schule hört, können die Lehrer jetzt ein aufrichtiges “Danke” der Schülerinnen und Schüler lesen – ein Dank, der auch den Eltern gebührt, die sich gemeinsam mit ihren Kindern den Herausforderungen stellen.

Wobei vollkommen klar ist, dass kein elektronisches Medium der Welt den Kontakt Face-to-Face mit Freunden, Kollegen und Familie ersetzen kann.  An den Schulen – und überall sonst – wird bei Wiedereröffnung daher laute Jubelstimmung herrschen. Gottseidank, wie Frau R. und all Ihre Kolleginnen und Kollegen finden.

Susi Riederer und Marc-Andree Hennekes

So sieht aktuell Unterricht aus – Marc-Andree Hennekes in einer Videokonferenz mit seinen Schülern

Schüler können das neue Lernvideo kaum erwarten

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